A different kind of power Buch Jacinda Ardern
Buchrezension,  Frauenliteratur,  Heldenreise,  Personal Growth,  Perspektiven

A different kind of power: Über die Kunst sich neue Ziele zu setzen

Ich lese viele Biografien. Und das tue ich mittlerweile mit Schmunzeln. Diese Bücher werden oft geschrieben, um Entscheidungen zu erklären, Reue zu zeigen, sich zu rechtfertigen und zu entschuldigen. Gerade Politiker müssen häufig die Geschichte “glattziehen”.

Meistens geht es auch nicht anders: viele müssen schwierige Entscheidungen mit vielen Unbekannten und vielen Interessenten treffen. Ob Barack Obama oder Wolfgang Schäuble: sie mussten durchhalten, oft auf Kosten ihrer Familien und der eigenen Menschlichkeit, weil sie das Leben außerhalb des Systems nicht kannten.

Diese Bücher liefern viele Anekdoten und Hintergrundinformationen. Nein, ich erfuhr aus den Biografien von Obama und Schäuble keine Geheimnisse. Aber ich konnte den Becoming-Prozess (wie ihn Michelle Obama in ihrem gleichnamigen Buch definierte) besser nachvollziehen. Wie diese Menschen dazu wurden, was sie auf der großen Weltbühne vertraten.

Das Buch von Jacinda Ardern, der ehemaligen Regierungschefin Neuseelands, “A different kind of power” ist hier auch keine Ausnahme. Aber es ist kein Heldenepos.

Durchhalten führt nicht zum ewigen Glück

Ihre Geschichte begann da, wo die meisten Menschen etwas zurücktreten. Sie musste aber Gas geben. Jacinda Ardern erfuhr fast zeitgleich mit ihrer Schwangerschaft, dass sie Regierungschefin wird, und erlebte diese sensible Zeit sowie die ersten Jahre als junge Familie unter den Blicken der Öffentlichkeit.

Ihre Biografie liefert die Erklärungen, was sie resilient machte, diese Zeit zu überstehen. Als Tochter eines Polizisten lernte sie, Konflikte gewaltfrei und durch Kommunikation zu lösen. Dank ihrer Debattierkarriere in der Schulzeit lernte sie, dass Worte das schärfste Werkzeug sind, wenn man Menschen führen möchte. Ihre große Familie und die langjährige Zugehörigkeit zu der Mormonenkirche lehrten sie die Wichtigkeit der Gemeinschaft und von Beziehungen zu Menschen.

Sie führte ihr Land auch durch eine der größten Herausforderungen der modernen Zeit, die COVID-Pandemie, sowie einen rechtsextremistischen Anschlag, bei dem 51 Menschen ums Leben kamen. Ihr Kompass war nie „Kuschelpolitik“, sondern eine radikale, datenbasierte Menschenorientierung.

Der Shackleton-Moment: Wann Ziele sterben müssen, damit Menschen leben.

Ich durfte Jacinda Ardern live im Rahmen des Buchclubs von Verena Pausder erleben. Auf die Frage nach ihrem wichtigsten Buch nannte sie kein Strategie-Sachbuch sondern Alfred Lansings “635 Tage im Eis: Die Shackleton-Expedition”.

Sir Ernest Shackleton, ein Abenteurer, gab seinen Traum Menschen zugunsten auf, den geografischen Südpol zu finden. Er erkannte, wann sein Ziel zum Ballast wurde: er korrigierte seinen Kurs und keiner aus seinem Team musste sein Leben der waghalsigen Idee opfern. Alle 28 Personen, mit denen Shackleton aufgebrochen war, sind zurückgekehrt. Seine Führung prägte unter anderem den Führungsstil von Jacinda Ardern:

Menschenorientierung ohne “Kuschelpolitik”: bei den Terroranschlägen von Christchurch 2019 zeigte sie sich radikal menschlich und verantwortungsvoll.

Entscheidungen bei vielen Unbekannten: während der COVID-Pandemie handelte sie datenorientiert, soweit die Situation zuließ, was oft nicht der Fall war. Wenn die Daten fehlten, handelte sie intuitiv, ließ die Entscheidungen “über die Nacht” reifen.

Integrität vor Ego: sie verließ ihren Posten vorzeitig, als sie das Aufkeimen des ungesunden Umgangs mit der Macht an sich merkte. Sie wurde dünnhäutiger gegenüber der Kritik, reagierte gereizt und nicht mehr deeskalierend. Sie opferte ihren Posten, weil sie irgendwann erkannte, dass sie zur Normalität zurückkehren sollte, um menschlich zu bleiben.

Ähnlich wie Shackleton gab sie ihre Ziele auf, um neue zu verfolgen.

Leadership-Lektionen aus dem Beehive in ein Daily Meeting

Die Macht zeigt sich nicht darin, durchzuhalten, sondern darin, zu erkennen, wann sich Führung verändern muss. Diese Änderung können wir sowohl auf die menschliche Perspektive herunterbrechen als auch auf die Organisationen und Strukturen wie Unternehmen:

Sunk Cost Fallacy überwinden: Wir können ein Projekt stoppen, in das bereits Millionen geflossen sind (Sunk Cost Fallacy), nur weil es die Team-Mitglieder demotiviert und aus dem Unternehmen treibt. Das ist kein Scheitern, das ist Leadership.

Werte vor Profit: Wir können die Zusammenarbeit mit einer Agentur stoppen, die extrem toxische Kultur hat (wie die Debatte um die Agentur #odaline zeigte“). Das ist Integrität.

Ego-Management: Wir können aus den Leadership-Positionen in die Rollen von Individual Contributors zurückkehren.

(Kleiner Hinweis: Beehive ist der Spitzname eines Teiles des neuseeländischen Parlamentsgebäudes.)

Wir geben nicht auf. Wir wirken weiter. Anders.

Jacinda Ardern zeigt: Macht zeigt sich nicht im Festhalten an einem Titel, sondern in der Freiheit, die Form der Wirkung zu wählen. Wir geben nicht auf. Wir wirken nur anders.

Und manchmal ist der mutigste Schritt einer Führungskraft oder einer Organisation nicht der Schritt nach vorne, sondern der Schritt zur Seite, um Raum für Neues zu schaffen.

Jacinda Ardern – A Different Kind of Power
Hardcover mit Schutzumschlag, 480 Seiten
Erschienen am 12.06.2025 bei btb
Originaltitel: A Different Kind of Power
Aus dem Englischen von Sylvia Bieker, Henriette Zeltner-Shane
Originalverlag: Penguin Random House (New Zealand)
ISBN: 978-3-442-76277-4

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