Perspektiven
-
Das Ende der Wohlfühl-Ära: Überlebensstrategien für Leader in einer volatilen Welt
Die größte Gefahr für unsere Business-Modelle liegt oft außerhalb unserer Bürowände. Darüber spricht Steven Bartlett in einem neunzigminutigen Interview mit Konstantin Kisin. Seine Hauptthese: Wir erleben gerade das Ende einer regelbasierten Weltordnung und die Rückkehr der “Hard Power”. Kisin greift die Ideen von Yuval Noah Harari auf, dass die zwanzig Jahre nach dem Kollaps der UdSSR eine “Friedensanomalie” waren. Die Menschheit kehrt also zu ihrem normalen (so dramatisch das auch klingen mag) Zustand zurück: Volatilität, Machtpolitik und Unsicherheit. Wir erleben im Moment quasi „Game of Thrones“ in der Realität. Was bedeutet das für Führung heute? Wir müssen die damit einhergehenden Risiken in unseren Strategien berücksichtigen, aber auch lernen resilienter zu…
-
A different kind of power: Über die Kunst sich neue Ziele zu setzen
Ich lese viele Biografien. Und das tue ich mittlerweile mit Schmunzeln. Diese Bücher werden oft geschrieben, um Entscheidungen zu erklären, Reue zu zeigen, sich zu rechtfertigen und zu entschuldigen. Gerade Politiker müssen häufig die Geschichte “glattziehen”. Meistens geht es auch nicht anders: viele müssen schwierige Entscheidungen mit vielen Unbekannten und vielen Interessenten treffen. Ob Barack Obama oder Wolfgang Schäuble: sie mussten durchhalten, oft auf Kosten ihrer Familien und der eigenen Menschlichkeit, weil sie das Leben außerhalb des Systems nicht kannten. Diese Bücher liefern viele Anekdoten und Hintergrundinformationen. Nein, ich erfuhr aus den Biografien von Obama und Schäuble keine Geheimnisse. Aber ich konnte den Becoming-Prozess (wie ihn Michelle Obama in ihrem…
-
Ohne Menschen keine Innovation: Wir müssen zu Headhunters werden
Warum Regionen ohne Menschen stagnieren Vor kurzem verbrachte ich eine Woche im Wendland, einer ruhigen und idyllischen Gegend, bekannt durch ihre Heidefelder, Künstlerkolonien und abwesende Autobahnen. Doch etwas, das auf den ersten Blick idyllisch wirkt, ist auf den zweiten Blick LEER. Leere Straßen, geschlossene Läden, verlassene Häuser, kaputte Zäune und verwachsene Gärten. Keine Aufbruchsstimmung, kaum Bewegung, fast das Gefühl einer langsamen Verwesung. Mittendrin entdeckten wir den Michaelshof: ein landwirtschaftlicher Betrieb mit einem eigenen Hofladen, einem großen Café und einer wunderschönen, gepflegten Parkanlage, in der an einem Nachmittag so viele junge Menschen wuselten, wie wir sie in den Tagen davor nicht gesehen haben. Und der Hof blüht im wahrsten Sinne des…
-
Kreativität macht den Unterschied. Am Ende.
Ich schreibe häufig darüber, dass jeder Mensch eine kreative Person ist. In der Werbebranche wird der Begriff “Kreative(r)” als Berufsbezeichnung für Texter, Copywriter und Designer verwendet. Aber wann wurde Werbung eigentlich zu einem kreativen Beruf? Ein Fahrradrad auf einem Podest, ein Kilo Fett in einer Zimmerecke, eine Banane an der Wand, geklebt mit grauem Tape: das sind alles Kunstobjekte der letzten 100 Jahre. Sie zeigen: Eine Idee kann Kunst sein, jeder Mensch kann kreativ sein. Und es ist nicht verwerflich, die Konsumwelt zur Kunst zu erklären. Schließlich schaffte es Andy Warhol mit der Werbung für Suppendosen zu seiner ersten Ausstellung als Künstler. War das der Moment, in dem Werbung zur…
-
Kreativität ist kein Luxus: Sie ist Überlebensstrategie
Kennt ihr die Geschichte von “Anne auf Green Gables”? Ein Waisenkind wird von einer Familie auf einen Bauernhof als kostenlose Arbeitskraft “bestellt”. Statt eines Jungen wie gewünscht kommt ein Mädchen mit einer ungezähmten Fantasie: Sie erfindet für alles einen neuen Namen und versteht nicht, warum die anderen keinen Spaß daran finden. Ein Kind, das nichts hat, findet einen Weg für seine Kreativität und für die Neugestaltung der Welt. Ihr Umfeld ist allerdings von ihrer Art genervt. Genau so wie viele Führungskräfte, die genervt reagieren, wenn jemand mit seinen Ideen aus der Reihe tanzt. Vor fünf Jahren tauchte die COVID-Pandemie unsere Welt in eine Ausnahmesituation ein und sorgte für eine Menge…
-
Nur gute Ideen reichen nicht oder warum wir Männer oft nicht erreichen, wenn wir über Gleichberechtigung reden
Vor Jahren wollte ich das Schlafzimmer in einem dezenten Lavendelblau streichen. Doch damals wusste ich nicht, dass Wändestreichen tückischer sein kann, als man denkt. So wurde das Schlafzimmer pink, fast genau wie die Farbe auf dem Cover des Buches “Wenn die letzte Frau den Raum verlässt” von Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer. Unser Nachfolger wollte das Schlafzimmer dann schwarz anstreichen. Wahrscheinlich hatte er Angst, vor seinen Freunden mit diesem Farbton als “nicht männlich” dazustehen. Ein “Exterieur” eines Produkts in rosa Tönen ist nicht “jeder Manns” Sache. Tappt der Verlag hier in dieselbe Falle wie viele Start-ups, die ihr Produkt eher für sich selbst gestalten, statt für die Zielgruppe? Okay, mich…
-
Was erfolgreiche Teams ausmacht: Von Fußballern, Nobelpreisträgerinnen und Hidden Potentials
Das sind also Teams, die laut Walter Isaacson und Bent Flyvbjerg bahnbrechende Innovationen hervorbringen und Megaprojekte erfolgreich umsetzen. Beide Autoren betonen die Wichtigkeit der Zielidentifikation und der klaren Zielsetzung, die vor dem Team formuliert wird. In seinem späteren Buch The Code-Breaker illustriert Isaacson diese These anhand des Beispiels von Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier. Gemeinsam erhielten sie 2020 den Nobelpreis in Chemie für die Entwicklung der CRISPR/Cas9-Technologie – einer Methode zur Genom-Editierung, die oft als "Genschere" bezeichnet wird. Zum Zeitpunkt der Auszeichnung unterhielten sich die beiden Preisträgerinnen kaum: Nach Abschluss ihres Projekts fehlte eine gemeinsame Mission, die sie weiter verbunden hätte. Sie drifteten in ihren wissenschaftlichen Interessen auseinander und verpassten…
-
Lesen ohne Kontext: Über die Enttäuschung und den Gewinn von Intermezzo
Mein Germanistikstudium ging mit unzähligen Semestern der westeuropäischen Literatur einher. Irgendwann mussten wir an “Germinal” von Émile Zola ran. Und da ich Germanistik studierte und offensichtlich in Geschichte nicht gut genug aufgepasst hatte, ackerte ich mich durch die 400 Seiten mit der Frage “Wann kommt Germinal?” Ich war nicht die einzige, die enttäuscht war, dass der Germinal doch nicht gekommen ist. Irgendwann klärten die Romanistik-Studierenden unsere Verwirrung auf: als Germinal bezeichnete man in Frankreich nach der großen Revolution den Monat März. In diesem Monat ereigneten sich die Geschehnisse im Roman von Zola. In meinem Leben war das das beste Beispiel über die Sinnlosigkeit des Lesens, wenn man sich mit dem…
-
Moralische Ambition: “Hören Sie auf, Ihr Talent zu vergeuden!”
Wir wollten nur kurz die Welt retten. Damals. In meiner Studienzeit wurde ich von jungen Menschen umgeben, die an einer Vielzahl gemeinnütziger Programme teilnahmen: Englisch in Lateinamerika unterrichten, Moore in Österreich befeuchten, Plastik aus den Meeren fischen. Sie rissen sich aus ihrem “normalen” Leben, wurden mit dem Alltag von Milliarden anderer Menschen auf dieser Welt konfrontiert und entwickelten ihre moralischen Ambitionen, wie man diese Welt verbessern und das Leid verringern kann. Heute bin ich von Erwachsenen umgeben, die ihre Erwerbstätigkeit reduzieren, zusätzliche Urlaubstage verhandeln und am liebsten aus dem informationsüberlasteten Alltag auf die einsamen Hütten in Südschweden oder geschlossene Hotelanlagen in Spanien “escapen”. Sie reißen sich aus ihrem “normalen” Leben,…