Das Ende der Wohlfühl-Ära: Überlebensstrategien für Leader in einer volatilen Welt
Die größte Gefahr für unsere Business-Modelle liegt oft außerhalb unserer Bürowände.
Darüber spricht Steven Bartlett in einem neunzigminutigen Interview mit Konstantin Kisin. Seine Hauptthese: Wir erleben gerade das Ende einer regelbasierten Weltordnung und die Rückkehr der “Hard Power”. Kisin greift die Ideen von Yuval Noah Harari auf, dass die zwanzig Jahre nach dem Kollaps der UdSSR eine “Friedensanomalie” waren. Die Menschheit kehrt also zu ihrem normalen (so dramatisch das auch klingen mag) Zustand zurück: Volatilität, Machtpolitik und Unsicherheit.
Wir erleben im Moment quasi „Game of Thrones“ in der Realität.
Was bedeutet das für Führung heute?
Wir müssen die damit einhergehenden Risiken in unseren Strategien berücksichtigen, aber auch lernen resilienter zu sein.
Geopolitik ist kein externes Rauschen mehr: Alles, von den Lieferketten bis zu den Technologiezugängen, ist politisch. Wir müssen diese Risiken in unsere Strategien einpreisen und eine neue Form der Resilienz erlernen. In einer Welt der Hard Power brauchen wir Führungskräfte, die wissen, wie man führt, wenn es keine einfachen Antworten gibt. Es ist an der Zeit, das Buch “The hard things about hard things” von Ben Horowitz zu entstauben und prüfen, was uns heute noch helfen könnte.
Ben Horowitz ist ein amerikanischer Unternehmer, der unmittelbar an der Entstehung des Marktes für Managed-Services-Unternehmen beteiligt war. Aktuell führt er zusammen mit einem anderen Genie aus dem Silicon Valley, Marc Andreesen, eine Risikokapitalfirma Andreessen Horowitz, auch bekannt als a16z.
In seinem Buch führt er die Theorie “Peacetime CEO / Wartime CEO” ein und behauptet, dass ein Unternehmen in jeder Phase einen eigenen Führungsstil benötigt. In friedlichen Zeiten braucht man jemanden, der / die das Unternehmen expandiert und dessen Stärken sichert.
In unruhigen Zeiten, in denen ein Unternehmen um sein eigenes Übeleben kämpft, ist eine Person mit einem ganz anderen Skillset gefragt. Diese unruhigen Zeiten können viele Ursachen haben: plötzlich überholende Wettbewerber, unvorhergesehene technologische Änderungen oder dramatische makroökonomische Änderungen, wie wir sie heute erleben.
In seinem sehr provokanten, schwarz-weißen Stil liefert Horowitz eine Liste mit Aufgaben und Eigenschaften des jeweiligen CEO-Typs. Dabei kommt mir der Wartime-CEO als eine sehr schwierige Person vor, die eine toxische Kultur und Angstzustände fördert. Mit dieser Person möchten die meisten von uns nicht zusammenarbeiten, egal wie brillant sie sein mag.
Ich habe die Liste von Horowitz genauer betrachtet und mich gefragt, was davon zehn Jahre nach der Buchveröffentlichung noch relevant ist. Und welche dieser Strategien weiterhin relevant und einsatzfähig sind.
Die relevanten Überlebensstrategien eines Wartime-CEO:
- Ein ruppiger Kommunikationsstil ist das Werkzeug der Klarheit: Direkte, ungefilterte Ansagen verhindern tödliche Missverständnisse und beschleunigen die Umsetzung.
- Krisenfeste Strukturen: Alle Prozesse im Unternehmen müssen für Ausnahmesituationen standhaft sein.
- Training als Überlebensstrategie statt Wellness-Beförderungen, damit niemand im Marktumfeld unter die Räder kommt.
Die Untergehungsstrategien eines Wartime-CEO:
- Intoleranz und Widersprüchlichkeit gefährden die psychologische Sicherheit von Leitungsträgern, die das Unternehmen am Laufen halten.
- Destruktive Paranoia führt zum eigenen Burnout, nicht zum Sieg.
- Exekution statt Innovation: Wenn das Team einem vorgegebenen Plan folgen muss und jede kreative Abweichung vom Wartime-CEO bestraft wird, verschwindet die geringste Möglichkeit, Penicillin zu entdecken oder Slack zu erfinden.
Unter allen Empfehlungen von Horowitz gibt es auch etwas, das von vielen Coaches als Mantra wiederholt wird:
“We’re going to exit all business where we’re not number one or two”.
Horowitz empfiehlt, diese Regel komplett zu ignorieren, da Wartime-CEOs in der Regel keine Unternehmen leiten, die in der ersten oder zweiten Liga spielen. Sie müssen also weiterhin kämpfen, bis sie diesen Thron besteigen können.
Horowitz kritisiert auch die Autoren von Managementstrategien, die seiner Meinung nach ihre Erfolge den friedlichen Zeiten verdanken. Für ihn gibt es genau zwei Leader, die ihre Unternehmen erfolgreich durch Krisen führten: Andy Grove, der legendäre CEO von Intel, und Steve Jobs, der Sonnengott des Silicon Valley.
Das Buch „Only the Paranoid Survive“ von Andy Grove und mindestens die Jobs-Biografie von Walter Isaacson können die Denkwelten dieser beiden Wartime-CEOs näherbringen. Die ultimative Biografie des britischen Polarforschers Ernest Shackleton, auch wenn er kein Unternehmer war, erzählt uns über die Führung unter Extrembedingungen. Satya Nadella beschreibt in „Hit Refresh” seinen Kampf für die Unternehmenstransformation und zeigt, dass auch ein Wartime-CEO nicht unbedingt ruppig und paranoid sein muss.
Raus aus der Komfortzone der Friedensanomalie
Grove, Jobs und Horowitz haben einiges gemeinsam: Sie sahen (sehen) die Welt, wie sie war (ist), und nicht, wie sie sie gern hätten. Wenn wir unsere Business-Modelle wetterfest machen möchten, müssen wir radikale Klarheit, stabile Prozesse und Strukturen schaffen, die uns durch die Unsicherheit tragen. Das ist besser, als auf die Rückkehr der „Friedensanomalie“ zu warten.


